»Mein Großvater erzählte immer von den roten Häusern.

Und nicht nur er.  Im ganzen Dorf schwirrten unzählige Geschichten umher. Düstere Legenden von Monstern, Geistern, Teufelsanbetern, brennenden Sowjet Soldaten, getöteten Kindern.

Man besucht die Ruinen. Und irgendwann weiss man eines:

Jede Einzelne ist wahr.«

Wer kennt sie nicht? Die Gruselgeschichten über ein verlassenes Geisterhaus am Stadtrand?

Die roten Häuser erzählt in Episoden, welche alle zwei Wochen erscheinen, über eine leerstehende

Arbeitersiedlung irgendwo im Osten Deutschlands.

 

Die Gebäude wurden, abgeschieden in einer Heide, im 19. Jahrhundert für die Arbeiter der

Rothbaumschen Manufakturen errichtet. Etwas Unerklärliches herrschte schon immer an diesem Ort.

Durch ihre bewegte Geschichte stehen die Häuser nun schon seit über 40 Jahren leer.

Doch gerade deswegen ist es dort umso gefährlicher.

 

Lass dich nicht zu ihnen locken.

 

Du wirst diesen Ort nicht mehr verlassen.


Prolog

Habe ich dir schon von den roten Häusern erzählt? Natürlich...
Auch wenn ich nach all den Jahrzehnten vieles vergessen habe, die roten Häuser sind noch präsent.
 
Stumm standen sie Spalier, während wir die Straße entlang fuhren. Der Himmel zeigte sich strahlend blau, keine einzige Wolke, nur am Horizont ein paar kleine, jämmerliche Fetzen. Alle Fenster standen offen, ließen aber nur den heißen Augustföhn herein.
Die Häuser standen einzeln oder in kleinen Gruppen verstreut dort im gelben, verdorrten Gras.
Hoch und schmal wie Türme ragten sie empor, mit spitzen Dächern, welche von hölzernen Fachwerk gestützt wurden. Gras und Flechten hingen von verrosteten Regenrinnen herab und knorrige Dornenreben versuchten die Fassaden zu erklimmen, nachdem sie schon die verwitterten Stangen, die einstmals wohl Wäscheleinen oder Schaukeln gewesen waren, bereits erobert hatten.

Feuerrote Backsteine, nach all den Jahren immer noch nicht verblasst, führten in herrlichen Rundbögen über die fleckigen, teils zersplitterten Fenster, in denen oft noch zerschlissene Vorhänge in der heißen Sommerluft hin und her wogten, als hätte jemand auf der anderen Seite mit den Fingern darüber gestreift.

Wir hielten am Rand der Straße und lauschten diesem Ort.

Nur das Zirpen der Grillen. Nichts als die monotonen Geräusche eines Sommertages. Und doch eine lauernde Stille. Langsam stiegen wir aus und bewegten uns auf das nächstgelegene Haus zu.
Wir wirbelten Staub auf, als wir langsam Richtung Eingang schritten.
Vor der Tür, um deren leere Fenster sich die Jugendstil-Ornamente einen Kampf gegen die Witterung lieferten, lagen die zerborstenen Ziegel des Vordachs, von dem nur noch ein hölzernes Gerippe zeugte.

Als ich nun in das Zwielicht der Eingangshalle spähte, fuhren mir die feuchtkalten Finger alter Luft über das Gesicht. Staub und Schimmel.
Nach den prachtvollen, aber staubig abgestumpften, schwarz-weiß Mosaiken des Foyers erhob sich eine Holztreppe zu einem ausladenden Treppenhaus. Der dunkelrote Lack war in großen Stücken abgesprungen und gab den Blick auf das rohe Holz frei. Mir direkt gegenüber  entschwanden steinerne Stufen in die Dunkelheit des Kellers. Ich trat in hinein, unentschlossen, welche der beiden Treppen ich nehmen sollte.

Da ertönte das Lachen, fern irgendwo im Haus.
Ich erstarrte.
Und doch hatte ich es gewusst.

Die roten Häuser lagen mindestens eine halbe Stunde Autofahrt von den nächsten Siedlungen entfernt.
Weit und breit war kein Gefährt zu sehen gewesen.
Doch auch ohne meine schnellen, logischen Gedanken hatte ich schon beim ersten Ton des freudlosen Lachens gewusst, dass es nicht menschlich war...